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Filmversion des Romanfragments (1934) von Jura Soyfer

ermergency production in der Wiener Werkbundsiedlung, 06-2020
Kamera/Schnitt: Erich Heyduck (A). Mitarbeit: Maria Gössler (A), Performance: Rremi Brandner (A), Klaus Haberl (A), Lisa Hasenbichler (A), Margot Hruby (A), Tanju Kamer (TR), Matthias Kreitner (A), Administration: Andra Munninger (A); Vortrag/Recherche: Walter Baier (A); mit Dank an Eric Canepa (USA/I)

 

Der Film

Geplant als theatraler Beitrag zur bevorstehenden Wien-Wahl, als Reflexion über die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie, und im Gedenken an die gescheiterte Februar-Revolution, konnte im Mai 2020 Corona bedingt im Mai 2020 nicht stattfinden. Und so entschied sich das Team eine eigene Film-Version zu erstellen, die in der Wiener Werkbundsiedlung – preisgekröntes architektonisches Juwel aus der Zeit des Roten Wien – aufgenommen wurde. Eva Brenners Dramatisierung, einer flexiblen theatralen Versuchsanordnung für offene Räume, die zwischen 2006 und 2016 in sieben verschiedenen Fassungen Wien-weit aufgeführt wurde, erlebt somit ihr Filmdebüt. Die neu adaptierten Szenen sind ergänzt um Neukompositionen von Soyfer Texten, Erzählungen zur Werkbundsiedlung, Gesprächen zum Austromarxismus und Erfahrungsberichte des Ensembles aus der Corona-Quarantäne. Die konzertante live-Performance hat damit eine neue Qualität angenommen und wird Ende 2020 erstmals als Premiere gezeigt werden.
Voraufführung von Ausschnitten aus Anlass der Wiedereröffnung des Perinetkellers auf Einladung von Robert Sommer und des IODE Kollektivs. Ort: Perinetgasse 1, 1200 Wien, Termin: 2.9.2020 ab 20h.

 

Der Sozialwissenschaftler Walter Baier stellt den aktueller Bezug her:
„Der Aufstand, mit dem sich die österreichische Arbeiterschaft im Februar 1934 der austrofaschistischen Diktatur widersetzte, war auch von europäischer Bedeutung. Ein Jahr nach Hitlers Machtübernahme im Deutschen Reich stellte er das Beispiel eines bewaffneten Widerstands gegen die Errichtung eines faschistischen Regimes dar. Viele der geschlagenen Schutzbündler nahmen in der Folge an der Verteidigung der spanischen Republik teil. Auch kann der Untergang Österreichs im März 1938 nur aus der Niederlage der Arbeiterbewegung im Februar 1934 verstanden werden.“ (Walter Baier, Kommentar zur Performance, 7. 1. 2014)

 

 

 

 

Zum Projekt

Im Kontrast zu den site-spezifischen Performances, wobei das Publikum den Aktionen von Ort zu Ort folgt, finden sich im Film alle Mitwirkenden im Adolf Loos Haus im 13. Bezirk ein. Zwei Tage lang leben und arbeiten sie zusammen und bespielen alle Räume, kochen, essen, proben, diskurrieren und machen eine gemeinsame Führung durch die Siedlung. Zusätzlich zum Reenactment der historischen Ereignissen rund um den Arbeiteraufstand am 12. Februar 1934, reflektieren sie über das Projekt, über Covid-19, das Rote Wien und unsre prekäre Situation auf dem Theater. Obwohl die gewohnte Nähe zum Publikum fehlt, entsteht eine intime Sicht auf die Probleme unsere Zeit, erhöht in ihrer Brisanz durch den Spiegel der Zeit kurz vor dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland, ähnliche soziale und politische Verwerfungen – wenn auch kein Virus – die Lage zur Kippe brachten.  Auf Theatralik wird weitgehend verzichtet, die konkrete Einbettung der Szenen in das fantastische Setting Loos-Hauses, die genossenschaftliche Historie der Siedlung, die kürzlich von der Stadt Wien teilprivatisiert wurde, die Faktizität des Lebens heutiger Künstler vor Ort erlauben eine direkte Aktualisierung der Krise aus, in der heute (wie damals) die Sozialdemokratie befindet.

 

Romanfragment und Inszenierung stellen keine realistischen Charaktere vor, geben kein Abbild der Zeit, bewegen nicht „die Massen“, spielen nicht „Revolution“.  Sie folgen in Ausschnitten aus episch-poetischen Skizzen den Schicksalen führender Funktionäre der sozialdemokratischen Partei, entschlüsseln ihre Beweggründe, zu handeln und zeigen ihr Scheitern auf.  In kurzen Sketch-artigen Szenen entsteht das Panorama des Verfalls einer Partei kurz vor dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland. Der Roman erschließt politische Prozesse über detailgenaue, humorvolle, realistisch-knappe Schilderungen des persönlichen Fehl/Verhaltens der Figuren. Soyfers differenzierte Sehweise ist typologisch, innerparteiliche Konflikte und organisatorische Hierarchien gewinnen Kontur über grell ausgeleuchtete, oft durch  satirische Überzeichnung kenntlich gemachte Figuren, die in ihrer Zeit gefangene erkennbar werden.

Jura Soyfer (1912-1939) war ein Mann des Wortes und der Tat, der theatralen und politischen Aktion, entsprungen aus den Widersprüchen und vor-faschistischen Klassenkämpfen seiner Zeit. Er nahm aktiv Anteil an den kulturellen und politischen Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit, die von Revolten, Armut und Bürgerkrieg gekennzeichnet war. Er war ein Teil des „Roten Wien“, dem auch er seinen Stempel mit aufprägte, während des Höhepunkts der österreichischen Arbeiterbewegung. Es war eine Zeit, in der sich künstlerisch-politischer Aktivismus ergänzten und verstärkten, als sich jüdisches Bürgertum und linke Intelligenzija, der Soyfer entstammte, mit der radikalisierten Arbeiterschicht im Kampf gegen den Faschismus verbanden. Soyfer war Visionär, Mitinitiator und Opfer der revolutionären Utopien und großen Erzählungen seiner Zeit, inspiriert von der Hoffnung auf Aufbruch und Neubeginn – der großen Vision einer egalitären Gesellschaft jenseits von Klassenkampf, Mangel und Ausgrenzung. Diesen Visionen gab er in seinen politisch-satirischen, gegen die Gefahren von „Rechts“ warnenden Sketchen, Kurzstücken, politischen Gedichten, Aufrufen und Essays Ausdruck.

 

Soyferfragment 2020_trailer from Erich Heyduck on Vimeo.