SPRONG 2020

Woche 3 – Jura Soyfer Retrospektive

Diese Woche wollen wir in Vorschau auf die kommende digitale Fassung den Fokus auf die verschiedenen Fassungen des Jura Soyfer Projekts legen. Zum Auftakt hat Matthias Kreitner ein Gespräch mit Eva Brenner geführt:

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Woche 2 – Community/Connection

Diesmal wollen wir durch Montagearbeit zentrale Themen bisheriger Arbeiten aufzeigen. Assistentin Lisa Hasenbichler erörtert kurz unseren Zugang:

 

Und hier das Video:

 

Montage als Methode des kollektiven Träumens

Matthias Kreitner

Montage ist überall. Mit etwas kreativer Freiheit könnte man argumentieren, der Mensch an sich und der Mensch in der Gemeinschaft existiert nur durch Montage. So wie Montage mehrere Inhaltstragende verbindet und so eine neue Entität schafft, über die Grenzen der einzelnen Bestandteile hinweg, so kann sie auch auf der Rezeptionsseite ähnliche Effekte haben und derartige Grenzen überwinden.

Der Traum als etwas höchst Individuelles ist ein Phänomen, das vielerorts geteilt wird, um dem Geträumten Sinn zu geben. Erst die Montage, also das Verbinden von mehreren Sequenzen, gibt uns als Gesellschaft die Möglichkeit, Träume anderer zu verstehen, indem wir sie in Kontext zu unseren eigenen Erlebnissen und Träumen stellen. Wenn der Begriff Traum hier kein utopischer ist – in Sätzen wie „Er träumte von einem besseren Leben.“ gegenwärtig –, so verkörpert er durchaus so manche Aspekte eben dieser utopischen Natur. Wenn man das Träumen vorerst als Aktivität und weiters als Variante des Denkens annimmt, kann man so untersuchen, was die Bestimmungsmerkmale dieser Spielweise des Denkens sind. Abgesehen von Initiationsmethoden lässt sich festmachen, dass der Traum ein Denken abseits von Regelhaftigkeit sein kann, was ihn vom Nominalgedanken abhebt. So lässt sich der träumende Mensch als Variante von BENJAMINS Konstrukteur denken:

Denn wohin bringt die Armut an Erfahrung den Barbaren? Sie bringt ihn dahin, von vorn zu beginnen; mit Wenigem auszukommen; aus Wenigem heraus zu konstruieren und dabei weder rechts noch links zu blicken. Unter den großen Schöpfern hat es immer die Unerbittlichen gegeben, die erst einmal reinen Tisch machten. Sie wollten nämlich einen Zeichentisch haben, sie sind Konstrukteure gewesen.1

Wenn man nun nicht von einem Traum als isoliertes, der Fantasie entsprungenes Phänomen ausgeht, sondern mit Benjamin einen zweiten Bewusstseinszustand annimmt2, wird deutlich, wie ähnlich dieser Wahrnehmungsdualismus einer prozessorientierten Dialektik marxistischer Prägung ist.
Der Traum präsentiert einen alternativen Aspekt einer Problematik, einen anderen Zugang als jenen, mit welchem ein beliebiges Thema in wachen Gedankengängen aufgenommen wird. Diese nicht unbedingt oppositionellen, aber immer differenten Routen sind Kräfte im Bewusstsein, die aufeinandertreffen müssen und sich so stets aneinander ab- und aufarbeiten.
Diese Dynamik setzt sich auch innerhalb dieser einzelnen Diskurse fort: Individuelle Träume sind nicht nur Reaktion auf wache Gedankenzüge, sondern auch immer von vorhergehenden Träumen abhängig. Im Gegenzug beeinflussen zeitlich nachgestellte Sequenzen reflexiv zuvor Wahrgenommenes. Nun sind diese frühen Szenen zwar abgeschlossen, eine Besonderheit des Traumzustandes ist aber die Tatsache, dass Sequenzen in die weiterführende Erinnerung – und damit in den produktiven Diskurs – immer erst im Moment eines Aufwachens, dem Zeitpunkt des Traum-Endes eingeführt werden. Somit herrscht trotz einer temporär betrachteten Isoliertheit einzelner Traumeinheiten bis zum Schluss inhaltliche Fluidität.

Damit Erwachen als ein dialektischer Umschlag gedacht werden kann, müssen Schlafen und Wachsein ganz genau und eng aufeinander bezogen sein: Erwachen bedeutet in diesem Begriff nicht das Ende irgendeines dumpfen Schlafzustandes und den Anfang irgendeiner anderweitigen Beschäftigung, Erwachen soll hier nichts anderes sein als das augenblickliche Zum-Bewußtsein-Kommen des bisher geträumten Traums. Es wird strikt als Erinnerung aufgefaßt. Inhalt dieser Erinnerung ist der Traum und nichts darüber hinaus, […] Der Traum, der dem Erwachen vorausgehen soll, ist dabei nicht schon vorher gegeben. Erst in der plötzlichen Erinnerung wird das Gewesene zum Gewesenen, und sein Gegenwärtigwerden als Gewesenes macht die Gegenwart der Erinnerung aus.3

Hier wird deutlich, dass Träumen als Modus des Denkens betrachtet werden kann, welcher als entgrenzt beschreibbar ist. Zwar erhalten alle einzelnen Gedanken ihre Individualität und inhärente Integrität aufrecht, durch das Zusammenstellen zu größeren Einheiten erhalten sie aber zusätzliche Eigenschaften.

Von diesem Punkt aus lassen sich nun starke Ähnlichkeiten zwischen dem Traum und der Montage erkennen. Auch bei der Montage werden – im gröbsten Sinne – zwei oder mehrere Informationseinheiten verbunden, mittels der speziellen Art und Weise, mit welcher dieser Konnex aufgebaut wird, durchlaufen diese Einheiten in der Außenwahrnehmung einen Prozess der Entgrenzung, ihre Einzelheit wird perforiert, ohne aufgegeben zu werden: Jede Szene ist für und in sich immer noch kohärent, zusammen bilden die Sequenzen aber nach der Montage etwas Größeres. So kann sie als Kollektivierung der Sequenzen interpretiert werden, mittels der Methode der Montage werden die Träume Einzelner anderen erst zugängig und verständlich gemacht. Der Prozess stellt das Individuelle, das Private des Traumes in Kontext mit den individuellen Erfahrungen anderer Rezipierenden.

Die Montage ruft aktiv Anschlusspunkte auf, um Szenen einander passend, verständlich zu machen, wodurch der Abstand zwischen dem Material verringert wird. Mittels dieser Kollektivierung der Erfahrungen wird der Traum – oder die Träume – fassbar gemacht, erst durch diese Dokumentation wird es möglich, den Traum als Material zu betrachten, mit welchem gearbeitet werden kann. Die gemeinsame, öffentliche Wahrnehmung des „Erträumten“ verleiht ihm einen zuvor nicht anwesenden Grad von monumentaler Wahrheit.

Sie setzten dem Dokument (dem Text auf Papier, der absichtlich geschrieben wurde, um eine Erinnerung zu fixieren), das Monument, verstanden in seiner ursprünglichen Bedeutung, entgegen: das, was durch seine Existenz die Erinnerung bewahrt, das, was direkt spricht, und zwar aufgrund der Tatsache, dass es nicht dazu bestimmt war zu sprechen – […] 4

Wenn Träume durch die Montage also historisch verwertbar werden, bedeutet das in weiterer Folge, dass sie dadurch in den öffentlichen Diskurs eingehen.

Abschließend lassen sich mehrere Schlagworte für die Funktionen der Montage bei der Diskursbildung finden: Das größte wäre dabei wohl Kollektivierung, denn ohne diese wäre das zu Bearbeitende nicht zugänglich. Die Montage transformiert die einzelnen Traumsequenzen erst in Material, sie gibt diesem Rohmaterial eine Außenansicht, indem sie es in Kontakt mit anderem Material bringt.

Ein weiteres Schlagwort wäre Systematisierung. Die Montage von Traumsequenzen in einen großen, kollektiven Traum stellt die Regeln und Parameter auf, mit denen in diesem wahrzunehmenden Erinnerungsraum agiert werden kann.
An diesem Punkt lässt sich auch sagen, dass jene Funktionen nicht nur im Kontext von Träumen vorhanden sind, sondern allgemein Anwendung finden können. So kann auch bei der Diskursbildung in sozialen Medien die wichtige Rolle der Montage beobachtet werden. (Während auf Twitter durch die Montage einzelner Tweets ein kollektiver Raum geschaffen wird, in dem das Zusammenspiel der individuellen Einheiten Ordnung schafft, sollte im Zusammenhang mit Facebook beispielsweise mehr von Collage anstatt von Montage gesprochen werden, da trotz der öffentlichen Darstellung der einzelnen Posts die sich darstellenden Teilnehmer vereinzelt bleiben und sich so kein kollektiver Diskurs bildet.) Montage kann ein im weitesten Sinne verbindendes Element sein, das – abgesehen von der filmtechnischen Notwendigkeit – Möglichkeiten zur Verständigung über sehr individuelle Erfahrungen bietet.

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1 BENJAMIN, Walter: Erfahrung und Armut. In: Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977. S. 292.

2 Vgl. WEIDMANN, Heiner: Erwachen/Träumen. In: Michael OPITZ (Hrsg.); Erdmut WIZISLA (Hrsg.): Benjamins Begriffe I. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2011. S. 341.
„Als entscheidende Voraussetzung dafür, daß der Begriff des Erwachens zu so weitreichender Geltung gelangen kann, erweist sich die Annahme, daß Traum und Wachen keine Gegensätze, sondern lediglich Modifikationen der Wahrnehmung sind.“

3 Ebda. S. 342f.
4 RANCIÈRE, Jacques; Ronald VOULLIÉ (Übers.): Geschichtsbilder. Kino, Kunst, Widerstand. Berlin: Merve Verlag, 2013. S.22.

 

 


 

Woche 1 – Hoffnung

Diese Woche beschäftigen wir uns mit dem Begriff der Hoffnung und zeigen eine Aufzeichnung von Das Verschwinden der Glühwürmchen. Den Auftakt macht Dramaturg Matthias Kreitner mit einer kurzen Stückeinführung direkt aus seinem Wohnzimmer:

 

Und hier nun auch die ganze Performance, aufgezeichnet am 29. 10. 2019 im Amtshaus Wieden:

 

Suchen und Finden von Utopie als andauernder Prozess, ein Performancebericht
Matthias Kreitner

Ende Mai spielte das Projekttheater/Studio FLEISCHEREI_mobil mit „Vom Verschwinden der Glühwürmchen“ eine neue Performance, die im weiteren Rahmen eines Utopie-Projekts stand und steht. Ausgehend von verschiedenen utopischen Texten der 70er Jahre begab man sich gemeinsam mit dem Ensemble auf die Suche nach dem (scheinbar) verloren gegangenen utopischen Duktus. Am Anfang dieses Prozesses standen Fragen wie „Wozu brauchen wir Utopien?“ und „Haben wir noch Utopien?“ und auch die Frage danach, warum diese sehr intensive utopische Hoffnung der vergangenen Jahrzehnte auch in denjenigen Akteur*innen, die sie sozusagen live miterlebt haben, abgeebbt zu sein scheint.

Ein zentrales Bild der Performance war von Anfang an das der archäologischen Ausgrabungsstätte, organisiert – wie die gesamte Performance – entlang eines Flusses, der quer durch den Raum verläuft. Hierin liegt die Idee und der performative Modus des Projekts: Texte und Ideen, die Regisseurin Eva Brenner kannte, aber in der Welt nicht mehr oder zumindest immer seltener auffand, werden fragmentarisch zu Tage gefördert und auf ihren Gehalt im Hier und Jetzt überprüft. Und hierin liegt meines Erachtens auch das zukünftige Potenzial dieser Performance: Jetzt, wo dieser Modus etabliert und erprobt ist, gilt es, auch andere, potentiell diversere Textauswahlen und Ideen durch das „Treatment“ einer solchen Untersuchung gehen zu lassen. Denn nicht umsonst steht am Ende der Performance eine offene Diskussionsrunde, wo das Publikum nach ihren Utopien und Hoffnungen gefragt wird.

Es geht nämlich nicht vorrangig darum, auf Biegen und Brechen den Besuchenden Herbert Marcuses Konzepte von der Überflussgesellschaft darzulegen, sondern die Idee wieder wachzurufen, dass utopisches Denken, Sprechen und Handeln möglich und wichtig ist. Durch die Fragen, die sich das Ensemble zu Beginn des langen, teils sehr komplexen Arbeitsprozesses stellte und die dem Publikum nach jeder Vorstellung zur Diskussion dargelegt wurden, versucht das Utopie-Projekt der FLEISCHEREI_mobil auch, den utopischen Agens, also Hoffnung als eine Art Kulturtechnik, anzuregen, indem man durch derartige Inputs das Formulieren eigener utopischer Vorstellungen einfordert.

Zwischen den Figuren, die durch die Texte Marcuses, Pasolinis und Brechts entstehen und denen Rremi Brandner, Aurelia Burkhardt, Michaela Adelberger, Mazen Muna und Drazen Horvatic Form geben, gibt die Performance auch Erfahrungsberichten aus dem Leben und Alltag des Ensembles Raum, was ebenfalls eine offenere Spielart weg von einem klassischen, narrativen Bühnenwerk erzeugen will. Die diegetische Welt der Performance ist eine vielschichtige, sie zeigt im offen gehaltenen Raum des Brick-5 eine Vielzahl an verschiedenen Suchen nach dieser utopischen Energie, Suchen, die sie hoffentlich über die Grenzen der Aufführung hinaus anregen wird. Ein zentraler Satz, den die Figur des Professors spricht, ist die Feststellung, dass eine Welt, wie er sie anstrebt und erhofft, eine „ästhetische Realität“, ein „Kunstwerk“ wäre. Eine solche ästhetische, von kreativen Potentialen geleitete Realität benötigt dazu ästhetisches, kreatives Denken und das will geübt werden. Ich denke, dass „Vom Verschwinden der Glühwürmchen“ hofft, diese Übung einzuleiten.